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Meine Krankheit GBS (Sept. 2023 - Feb. 2024)

Hallo zusammen,

 

vielleicht haben Sie es ja schon gehört: Seit 12. Oktober war ich krankheitsbedingt bis zum 04. Feb. 2024 nicht im Dienst. Krank gefühlt habe ich mich bereits seit Mitte September. Zum Arzt bin jedoch erst im Oktober gegangen. Schon ziemlch spät, aber offenbar noch rechtzeitig, um noch Schlimmeres zu verhindern.

 

Die Geschichte

 

Der neuste Eintrag ist immer in blau geschrieben und am Ende des Textes.

 

Seit Mitte September hatte mich plötzlich eine seltsame Kraftlosigkeit und Schwere befallen. Dies in stark zunehmendem Maß und mit Schmerzen in Armen, Beinen, an den Händen und an den Füßen. Die Hände und Füße sind sind in den vorderen Bereichen mehr oder weniger gefühlstaub geworden, gepaart mit kaltem Druckschmerz. Ich habe nachher kaum noch die Treppenstufen im Rathaus zu meinem Büro geschafft. Und leichte Akten konnte ich nicht mehr richtig festhalten. Am Ende fiel selbst das Schreiben mit einem Stift schwer.Es fehlte schlichtweg die Kraft und die Koordinationsfähigkeit. Dieser Zustand hat sich auch während des Klinikaufenthaltes nicht gebessert, eher sogar noch etwas verschlechtert. Koordination und Motorik leiden sehr darunter. Ursache ist offenbar ein Infekt in der Vergangenheit, der daraufhin eine Autoimmunreaktion meines Körpers ausgelöst hat (über den Link gelangt man zur Erklärung von Wikipedia). Befallen von dieser Autoimmunreaktion sind primär Nerven und Muskeln. Vermutet wird daher primär das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), vieles deutet darauf hin. Abgesichert ist die Diagnose jedoch nicht.

 

12. Oktober - 04. November

In der Zeit vom 12. Oktober bis zum 04. November war ich im UKGM in Marburg eingewiesen. Die Diagnose GBS kam relativ schnell und auch die Gabe der Imunglobuline wurde sofort angeordnet. Die Hoffnung nach schneller Besserung oder zumindest ein Stopp der weiteren Verschlechterung wurde leider nicht erfüllt. Vielleicht hat das aber dazu geführt, dass die Erkrankung nicht das Ausmaß angenommen hat, was da so alles möglich ist. Jedenfalls hat es bis zum Erreichen des Plateaus noch einige Zeit gedauert. Bis in die 2. Woche der Reha hinein.

Am 06. November bin ich zur Reha in Braunfels erschienen. Im Anschluss daran war ursprünglich noch ein weiterer Aufenthalt im UKGM geplant, zur weiteren Diagnostik und weiterer Behandlung - je nach Fortschritt und Erfolg der Reha.

 

12. November

Seit 06. November habe ich nun eine Reha-Maßnahme begonnen, um hoffentlich bald wieder in den Dienst zurückzukehren. Aber bis dahin kann es noch ein langer und auch steiniger Weg sein. Im Moment ist immer noch nicht geklärt, was denn der Auslöser für die Autoimmunreaktion meines Körpers ist. Die beiden Biopsien, die noch am 03. November in der Klinik in Marburg entnommen wurden (1 Stückchen Muskel vom linken Oberschenkel und 1 Stückchen Nerv hinter der linken Ferse) waren diagnostisch unauffällig. Hier wird nun noch detaillierter untersucht. Daher mache ich im Moment erst einmal viel Krankengymnastk, allg. Gymnastik,  Medizinische Trainingsteraphie für die befallenen Muskel und Physikalische Therapie, um keine weitere Verschlechterung zu erfahren. Eine Verbesserung ist bis dato aber noch nicht eingetreten. Manchmal denke ich, es hat sich noch etwas weiter verschlechtert.

Um auf meinen Wegen in der Einrichtung nicht zu stürzen (ich könnte mich tatsächlich nicht auffangen, weder hätte ich die Kraft noch die Koordinationsfähigkeit, um mich abzufangen) muss ich leider auf ein Hilfsmittel (Rollator) zurückgreifen. Kaum vorstellbar, oder?

 

18. November

Heute durfte ich auf eine Nacht nach Hause "in den Urlaub". In der abgelaufenen Woche habe ich tatsächlich auch etwas Licht am Ende des Tunnels gesehen. Nach einer intensiven Therapie mit den Füßen habe ich nach vielen Tagen endlich einmal wieder direkten Kontakt von den Zehenspitzen zum Boden gespürt. Bis dato war da nichts spürbar. Ich hatte immer das Gefühl auf einem großen wackeligen Luftpolster zu stehen. Und das hat auch zu den Gleichgewichtsproblemen geführt: die Füße konnten aufgrund des fehlenden Gefühls zum Untergrund nichts ausgleichen. Also auf einem Bein zu stehen, das war überhaupt nicht mehr möglich (und ist im Moment auch noch nicht möglich). Ich hoffe aber, dass die weitere Therapie und viel Übung in der Sache noch eine wesentliche Verbesserung der Situation erfährt. Ansonsten ist zu sagen, dass ich auf meinen Rollator so weit wie möglich verzichte und jede Treppe  mitnehme. Auch wenn es sehr anstrengend für mich ist. Aber die schlaffen Muskeln brauchen  unbedingt Training. Und ich hoffe außerdem, dass der Körper mit der Autoimmunreaktion aufgehört hat und nicht den erlangten Therapiererfolg wieder zunichte macht.

 

24. November

Nach einer weiteren Woche in der Reha in Braunfels kann man durchaus eine weitere Verbesserung feststellen. Den Rollator habe ich mittlerweile wieder zurück gegeben, ich probiere es ganz ohne Hilfsmittel. Der Gang in der Ebene ist zwar flüssiger geworden, aber natürlich noch nicht so flüssig wie früher und ich muss mich nach wie vor voll auf das Gehen konzentrieren. Auch leichte Steigungen strengen mich derzeit noch total an und an "Spaziergänge" ist noch nicht so richtig zu denken: Irgendwann machen die betroffenen Muskeln einfach dicht. Ich gebe vom Kopf zwar den Befehl - aber der Muskel hört einfach nicht. Ich muss also unbedingt weiter an und mit mir trainieren, Muskeln und Nerven mit entsprechenden Impulsen versorgen, um sie zu aktivieren bzw. zu stärken. Ich bin aber positiv gestimmt, denn der Trend scheint doch in die richtige Richtung zu weisen. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht 2 Schritte vorwärts und dann doch wieder einen Schritt zurück. Solche gefühlten  Wechsel sind manchmal mehrmals am Tag. In der Bilanz geht's damit aber doch nach vorne. Und das ist gut so.

In der Reha bin ich jetzt noch bis 04. Dezember, danach gehe ich nochmal für ein paar Tage ins UKGM zur weiteren Diagnostik und zur med. Behandlung. 

 

01. Dezember

Und wieder ist eine Woche vergangen. Im Rückblick ist auch diese Woche positiv verlaufen. Der Gang ist wieder etwas flüssiger geworden und die Schmerzen beim Gehen kommen immer seltener. Auch kann ich mittlerweile schon einmal drei - vierhundert Meter am Stück gehen. Sobald jedoch eine Steigung hinzukommt, dann wird's wieder eng mit der Kraft in den Beinen. Heute morgen in der Gruppen-Gymnastik habe ich dann auch noch deutlich die Defizite beim Gleichgewicht halten gemerkt. Balance halten geht noch nicht gut, aber natürlich schon etwas besser als vor einer oder zwei Wochen. Da ist jedenfalls noch jede Menge an Verbesserungspotenzial möglich. Dies hat auch nochmal die Physiotherapie am Nachmittag deutlich gemacht. Zudem ist das Gefühl in den Händen und den Füßen ist einfach noch nicht so da, wie ich das brauchen würde. Das Schreiben mit einem Stift fällt noch  schwer, und die Schrift ist daher noch nicht wieder die normale, flüssige Schrift. Ich hoffe, dass sich das auch bald bessert. Aber grundsätzlich will ich nicht unzufrieden sein. Ich weiß, das hätte auch ganz, ganz anders ausgehen können. Daher blicke ich positiv nach vorne.

Die für die kommende Woche im UKGM angesetze Untersuchung habe ich verschoben, um weiter an mir und der weiteren Verbesserung meiner Gesundheit in der Reha in Braunfels zu arbeiten. Daher wird die Reha-Maßnahme verlängert. Wie es dann weitergeht, wird sich zeigen. Ich freue mich aber schon darauf, wieder in den Dienst zurückzukehren. Und auf das Wiedersehen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Vielen Dank übrigens an all die vielen guten Genesungswünsche, die mich auf unterschiedlichste Art und Weise erreichen. Ich freue mich über alle, ehrlich - aber ich bitte um Verständnis, dass ich nicht alle beantworten kann.

 

08./09. Dezember

Die vorletze Woche der Reha in Braunfels geht heute zu Ende - am kommenden Freitag werde ich hier nach 6 Wochen Anschlussheilbehandlung entlassen. Das Team aus Braunfels hat sich hervorrragend um mich gekümmert. Übrigens auch die Küche hier!!

Sicherlich werde ich auch in der kommenden Woche noch ein paar Fortschritte bei der Genesung machen. Aber ich werde noch lange nicht in der Verfassung sein, wie vor Beginn dieser Krankheit. Bis wieder möglichst alle Muskeln mitspielen (und zwar so wie sie sollen), da wird es noch einiges an Arbeit von Therapeuten und mir bedürfen. Dazu werden sicherlich auch therapeutische "Besuche" im Schwimmbad kommen. Und auch das Gleichgewicht spielt noch nicht so mit, wie es eigentlich soll. Möglichst sicher auf einem Bein stehen, womöglich auch noch in der Dunkelheit, ist noch nicht drin. Und auch die Koordination hat tatsächlich etwas gelitten, was ich zunächst nicht glauben wollte. Da werde ich also auch in Gladenbach noch weiter daran arbeiten müssen. Ich bin aber froh - trotz der guten Betreuung - dann wieder zu Hause in Gladenbach zu sein. Und wenn ich irgendwann auch wieder meinem Hobby, dem Tanzen nachgehen kann, dann ist bestimmt alles wieder gut...

 

14. Dezember

Ursprünglich war morgen, Freitag, als Entlassungstag geplant. Nun wird es aber doch der Samstag werden. Am Freitag habe ich hier meine letzten Anwendungen und Therapien. Heute mittag war das Abschlussgespräch und die Abschlussuntersuchung bei meinem Oberarzt. Ich glaube er war ziemlich zufrieden mit mir und meinem Heilungsverlauf. Und in welchem Tempo das bei mir in der "Bergauf-Phase" ging. Auch wenn noch "nicht alles wieder da ist", so weiß ich aber, wie es hätte augehen können.  Ich bin unendlich dankbar, dass ich so einen guten Verlauf erfahren durfte. Natürlich werde ich auch in Gladenbach noch Übungen, Anwendungen und Therapien machen müssen, um möglichst wieder alle Funktionen auf dem Level zu haben, wie vor dem Ausbruch der Autoimmunkrankheit. Wenn man mich dann in den nächsten Wochen also mal im "Nautilust" Bewegungsübungen machen sieht oder in einem Studio an Geräten arbeiten sieht, dann ist das kein Spaß, sondern Anschlussbehandlung. 

 

19. Dezember

Seit Samstag bin ich nun aus der Reha entlassen. Endlich wieder in Gladenbach! Daheim ist Daheim.
Nun muss ich mich allerdings selbst um Behandlungen und Therapien bemühen. Für die noch geschädigten Nerven brauche ich neurologische Unterstützung. Und für den Muskelaufbau werde ich Physiotherapie in einer Praxis machen. Und da ich möglichst auch Bewegung im Wasser machen soll, werde ich auch im Freizeitbad die eine oder andere Stunde verbringen.

Im Dienst bin ich allerdings noch nicht. Zunächst bin ich noch krankgeschrieben bis Mitte Januar. Je nach Fortentwicklung der Heilung wird man dann weiter sehen. Aber ich bin sehr froh, dass es schon soo weit besser geworden ist. 

 

24.Dezember

Die ersten Muskelaufbau-Trainingsstunden habe ich in Gladenbach schon gemacht. Physiotherapie (in Gladenbach) und Behandlung im Nervenzentrum (in Marburg) kann aber erst im neuen Jahr beginnen. Dies ist den Feiertagen geschuldet. Aber es geht gleich in der ersten Woche los. Ich bin zunächst auch noch bis Mitte Januar krankgeschrieben.

Ich hoffe, alles wird dazu beitragen, dass ich wieder in vollem Umfang einsetzbar und belastbar bin. Die Hände, Finger und Füße funktionieren noch nicht so richtig in Bezug auf Gefühlsempfinden (auch Kälte und Wärme). Und der Gleichgewichtssinn ist auch noch stark verbesserungswürdig. Irgendwann kommt das aber hoffentlich. Die Ärzte haben mir Mut gemacht. Das wünsche ich mir - besonders an dem heutigen Tag, an Weihnachten, da darf man sich ja was wünschen...

 

Ich wünsche Ihnen alles Gute für das neue Jahr 2024. Vor allem wünsche ich Ihnen Gesundheit. Ohne die ist vieles nichts wert.

 

12. Januar 2024

Jeden Tag bin ich aktuell ca. 1,5 Stunden mit Muskelaufbautraining im Startpunkt Gesundheit in Gladenbach beschäftigt. Mal vormittags, mal mittags, mal abends. Ich lasse bisher aber keinen Tag aus mit dem Tarining. Und ich merke weitere Verbesserungen. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, es hat eine Verschlechterung von einem auf den anderen Tag gegeben. Aber vielleicht ist es nur ein Gefühl. Weil ich so ungeduldig bin. Ich weiß nicht so genau. Ich werde mir aber die Zeit nehmen (müssen), um möglichst wieder so fit zu sein wie vor der Erkrankung.

 

23. Januar 2024

Am 5. Februar wird nach langer Zeit mein erster Arbeitstag sein. Auch wenn ich schon mal eine Woche zwischendrin Dienst gemacht hatte. Vertretungsweise für meinen Vertreter. Er war im wohlverdienten Skiurlaub. Ich glaube, mein Vertreter, Herr 1. Stadtrat Becker, wird aber nun froh sein, wenn er aus der Doppelbelastung der Bgm-Vertretung und seines normalen Berufes wieder herauskommt. Das war bestimmt nicht einfach für ihn und man hat seinen Wagen auch oft noch nach 22:00 Uhr vor dem Rathaus gesehen. Armin Becker hat seine Sache, ich kann das guten Gewissens sagen, ganz prima gemacht. Vielen Dank lieber Armin. Mein Dank geht aber auch an die Verwaltung, die ihn bei der Vertretung sehr unterstützt hat. Ihr seid ganz toll!!!!

Am 21./22. Februar wird meine vorerst letzte Untersuchung im UKGM durchgeführt werden. Das ist die Untersuchung, die ursprünglich am 05. Dezember 2023 hätte durchgeführt werden sollen, um deren Verschiebung ich seinerzeit aber gebeten hatte.

Aber auch in der weiteren Zukunft muss ich noch an der Wiedererlangung meiner Gesundheit weiterarbeiten. Mittlerweile sind auch die seit einiger Zeit vorhandenen Schmerzen im linken Knie diagnostiziert: hier wurde ein Muskel ebenfalls nicht mehr von den Nerven angesteuert und hat sich einfach zurückgebildet. Wie ein Luftballon, der die Luft verloren hat. An dem Muskel muss ich nun besonders arbeiten. Ich bin aber weiterhin optimistisch.

 

Ein Bild, welches meine Frau Ende JanuarAnfang Februar von mir gemacht hat, zeigt meinen Verlauf der Krankheit und der Genesung geradezu beispielhaft:

Vielen Dank an die Ärzteschaft und das Pflegeteam vom UKGM, welche sich ganz toll um mich bemüht hat.

Aber auch ein großes Dankeschön geht an meinen Hausarzt, der die Brisanz der Erkrankung sofort erkannt hat.

Und  selbstverständlich auch an das Ärzte- und Pflegeteam in Braunfels darf ich ein  riesengroßes Lob aussprechen. Hier wird sich ganz hervorragend um jeden Patienten bemüht. Ehrlich.

In Gladenbach kümmert sich physiotherapeutisch Frau Astrid Grosch von Physio Aktiv Gladenbach um meine Genesung. Auch Sie hat Geduld mit mir und bringt mich weiter nach vorne. Vielen Dank Astrid.

 

 

 

Gladenbach, 23. Januar 2024

Medizinische Trainingstherapie

Seit 02. Januar offiziell bei der Traingstherapie

 

 

Was ist noch zu tun?

 

 

 

Am "Rückenstrecker"

Rund 12 verschiedene Stationen werden durchlaufen

 

 

Informationen zum GBS (Guillian-Barré-Syndrom)

Zeitungsartikel vom 09. September 2021 auf mittelhessen.de

Redakteurin: Debra Wisker

 

In 2021 hatte es einen Kollegen ebenfalls erwischt. So heftig hat GBS zum Glück bei mir nicht zugeschlagen. Vielleicht lag es an der schnellen Gabe der Immunglobuline.

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Bernd Wieczorek, Bürgermeister in Lollar, hat sich nach einer vermutlich durch Corona ausgelösten Autoimmunerkrankung Schritt für Schritt zurückgekämpft.

 

LOLLAR. Es ist ein ganz normaler Wintertag im Dezember vergangenen Jahres. Ein Mann geht mit seinem Hund spazieren, ahnt noch nicht, dass die kommenden Wochen und Monate für ihn wohl mit zur schwersten Zeit seines Lebens werden sollten. Krankenhaus, Intensivstation, Reha, Bangen und Hoffen - es wird ein weiter Weg zurück ins normale Leben.

Dr. Bernd Wieczorek ist Bürgermeister in Lollar, achtet auf seine Gesundheit, war nie ernsthaft krank. In jungen Jahren kickt er für die Eintracht Lollar, studiert Sport, promoviert und hält sich Zeit seines Lebens fit. Seit 2005 ist er Bürgermeister in Lollar, er wird zweimal wiedergewählt und ist jetzt in seiner dritten Amtsperiode.

Dann kommt der Dezember 2020 - beim Spaziergang mit dem Hund spürt der 63-Jährige unvermittelt eine Lähmung in den Beinen. "Ich konnte keinen Schritt mehr gehen", blickt er im Gespräch mit dieser Zeitung zurück. Er fährt sofort in die Klinik und relativ schnell sei festgestellt worden, dass er das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) habe, eine seltene Nervenerkrankung, die mit Lähmungserscheinungen einhergeht. Die Autoimmunerkrankung wurde vermutlich ausgelöst durch eine Corona-Infektion. Angesteckt hatte er sich im familiären Umfeld.

"Die Erkrankung hat sich bei mir so geäußert, dass ich quasi komplett gelähmt war. Arme, die Beine, der Körper - komplett." Dreimal kommt Wieczorek auf die Intensivstation, die Ärzte bekommen die Krankheit nicht in den Griff. "Die Corona-Intensivstation ist keine klassische Intensivstation, das ist schon etwas anderes. Man darf keinen Besuch bekommen, Pflegepersonal und Ärzte sind vermummt, man sieht kein menschliches Gesicht. Ärzte und Pflegepersonal haben Bemerkenswertes geleistet unter erschwerten Bedingungen, keine Frage. Aber als Patient ist das eine Grenzerfahrung. Ich war auf der Intensivstation - leider - der einzige, der noch bei Bewusstsein war. Alle anderen waren komatös, intubiert und haben nichts mitgekriegt."

Die Familie darf ihn zwar besuchen, aber ein persönlicher Kontakt ist ausgeschlossen. Durch ein kleines Fenster sehen sie den Ehemann, den Vater, dort liegen. Er wiederum sieht sie aus der Entfernung, nur durch die Scheibe - und das in einem Moment, in dem gerade dieser Beistand, die persönliche Nähe so dringend gebraucht wird. "Für die Psyche ist das katastrophal." Bernd Wieczorek bekommt bei vollem Bewusstsein mit, wie die Lähmung sich in seinem Körper ausbreitet. Sein Zustand wird so bedenklich, dass die Familie gerufen wird. Denn es steht zu befürchten, dass er intubiert werden muss. "Die Lähmung ist hochgestiegen, dann aber gottlob bei Thorakal acht, also dem achten Brustwirbel, stehen geblieben. Da lag ich drei Tage auf der Intensivstation und dachte nur: ,Was kommt jetzt?'. Es war so, dass ich nur noch geatmet habe. Das alles bei vollem Bewusstsein und mit der Angst, dass auch die Atmung ausfällt." Hinzu kommen unsägliche Schmerzen, auch die stärksten Mittel bringen keine Linderung. Die Ärzte versuchen verschiedene Behandlungsmethoden. Doch erst eine mehrfache Plasmapherese bringt einen Wendepunkt. Neunmal werden bei Bernd Wieczorek alle Antikörper aus dem Blut gefiltert. "Das muss man sich vorstellen wie eine Dialyse." Diese Therapie greift schließlich.

Es folgt der Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Vier Monate im Rollstuhl sind für den Sportler Wieczorek nur schwer zu ertragen. Vor allem, da er zunächst keinen Fortschritt sieht und befürchtet, für immer im Rollstuhl sitzen zu müssen. Ähnlich wie im Krankenhaus sind auch in der Reha-Klinik überwiegend Schwerstpflegefälle um ihn herum. Das schlägt auf die Seele. Ohne den Rückhalt der Familie sei das nicht zu schaffen, ist er sicher.

"Meine Physis und auch viel Glück haben dann aber dazu geführt, dass ich wieder laufen kann." Schritt für Schritt kämpft er sich zurück. Die Therapeuten stellen den 63-Jährigen in einen Gehbarren. "Gerade mal ein winziges Stück, vielleicht zwei, drei Zentimeter, konnte ich den linken Fuß nach vorne bewegen. Da hab ich mir gedacht, wenn ich das kann, dann schaffe ich auch mehr. Ich wollte unbedingt wieder laufen." Er habe Glück gehabt, in Bad Homburg von "genialen Therapeuten" betreut zu werden. 24 Kilogramm hatte er abgenommen, 16 Kilo bis jetzt wieder zugenommen.

"Ich habe trainiert, trainiert, trainiert. Da gab es kein Halten mehr." Nächtelang sei er Treppen hoch und runter gelaufen, immer wieder. "Läufst du noch oder läufst du schon wieder?", sei er vom Nachtdienst beim Schichtwechsel häufig gefragt worden. Die Antwort: "Ich laufe noch." Da sei einfach der Sportler in ihm durchgekommen. Und: "Ich war so glücklich, wieder laufen zu können. Der Rollstuhl war nie eine Option für mich, da wäre ich kaputtgegangen." Noch etwas kommt für ihn nicht in Frage: "Mit dem Rollator zurück ins Rathaus? Nein."

Während der Zeit im Krankenhaus und in der Reha ist der Gedanke an den Job erst einmal weit weg. "Wenn du nie ernsthaft krank warst und dann haut es dich so um, dann wird der Beruf sekundär. Da bist du nur mit dir und deiner Gesundheit beschäftigt." Erst, als es dem Bürgermeister endlich besser geht, kommt auch der Ehrgeiz zurück, die Amtsperiode zu beenden. Aber nur ohne Hilfsmittel.

Wieczorek räumt ein, dass der Beruf vor seiner Erkrankung oftmals an erster Stelle gestanden hat. "Aber ganz klar, Gesundheit hat jetzt für mich einen ganz anderen Stellenwert. Die steht auch über dem Beruf. Das war vorher nicht so." Über Gesundheit habe er sich nie Gedanken gemacht, sei einfach immer gesund gewesen. "Ich war nicht einmal krank in den bisher 17 Jahren Amtszeit."

Ende April kommt er aus der Reha nach Hause. Fünf Monate sind seit dem Spaziergang mit dem Hund vergangen. Seit einigen Wochen ist der Bürgermeister wieder an seinem Schreibtisch im Rathaus anzutreffen, er nimmt an den Sitzungen der politischen Gremien teil, absolviert diverse Termine - der Job hat ihn wieder. "Es ist ein sanfter Einstieg." Das Training, der regelmäßige Besuch im Fitnessstudio stehen nach wie vor auf der Agenda. Noch immer hat Bernd Wieczorek ein Taubheitsgefühl in Armen und Beinen. Er weiß, dass er jetzt Geduld braucht, doch die Prognose sei gut. Er tauscht sich aus mit anderen, die ebenfalls vom Guillain-Barré-Syndrom betroffen sind oder waren. "Der Erfahrungsaustausch hilft."

Rückblickend sagt er, dass er eine solche Erkrankung seinem ärgsten Feind nicht wünsche. Und: "Wer einmal auf der Corona-Intensivstation gelegen hat, muss sich ernsthaft mit dem Thema befassen. Da braucht man nichts anderes mehr zu sehen. Das ist einfach furchtbar." Corona zu leugnen, hält er für "höchst fahrlässig". Zwar ist Wieczorek mittlerweile gegen Covid-19 geimpft, doch die Angst, dass das Guillain-Barré-Syndrom wieder ausgelöst werden könnte, begleitet ihn. Es gebe zwei Formen, eine chronische und eine akute. Bei ihm sei es zum Glück die akute Erkrankung, die chronische "ist mir gottlob erspart geblieben".

Und es gibt noch etwas, das Bernd Wieczorek ausdrücklich betont: "Meine Familie war mir schon immer wichtig, jetzt ist sie es noch mehr. Das ist das Wesentliche, das ist das, was zählt."

 

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© Peter Kremer, Gladenbach 2024